Christoph Kletzer (nicht: Ketzer!) nennt sich selbst einen atheistischer Katholiken. Ich frage mich zwar auch, was das sein soll, doch das wurde in den Kommentaren zu seinem Artikel beim standard.at "
Kirche, Staat und Straßburg" bereits angemerkt und mag unkommentiert bleiben.
Im Zusammenhang mit den Reaktionen in Österreich auf das Urteil des Menschenrechtsgerichtshofes in Straßburg schreibt Kletzer:
Es ist eine Illusion zu glauben, irgendein Staat könnte ohne eine Vorstellung darüber auskommen, was ein "gelungenes Leben" ausmacht. Quelle: wie oben
Das ist richtig, allerdings ist seine Begründung dessen ziemlich fragwürdig.
Die Neutralität und Unparteilichkeit des Staates gegenüber Lebensentwürfen, Werten, Religionen ist ... nicht in seine Fundamente eingeschrieben. Quelle: wie oben
Wenn ich mir unser (deutsches) Grundgesetz ansehe, dann ist das korrekt. Bereits in der Präambel wird auf die „christlichen Werte“ verwiesen. Und damit definitiv eben nicht die Neutralität des Staates gegenüber Wertvorstellungen seiner Bürger definiert. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall.
Doch fordert Kletzer im weiteren Artikel eine Neutralität des Staates gegenüber der Religion (und zwar nur der christlichen!) ein, die er sogleich selbst aushebelt
Es geht hier also weniger um die Frage des Verhältnisses von Kirche und Staat, als um das Verhältnis von Staat und Christentum. Die wesentliche Frage ist nicht, welches rechtliche Arrangement dem als absolut vorausgesetzten Prinzip der Trennung von Kirche und Staat entspricht, sondern ob und wie weit der Staat ein Bekenntnis zur christlichen Tradition abgeben darf und soll. Quelle: wie oben
Daraus schließt der Autor, dass sich ein Gericht nicht einmischen darf oder soll, um in der Frage zu entscheiden, ob religiöse Symbole in öffentlichen Räumen gezeigt werden dürfen oder nicht.
Niemand – auch ich nicht – bestreitet, dass Europas „Leitkultur“ der letzten Jahrhunderte christlich geprägt ist. Allerdings ist die Zeit der christlichen Bevormundung vorüber! Nicht nur, dass zum einen der Islam eine ernstzunehmende Rolle als Religion auch in Europa zu übernehmen beginnt (und welche Schwierigkeiten, das anzuerkennen, das macht, lässt sich am aktuellen Minarett-Bau-Verbot in der Schweiz gut zeigen). Ebenso wichtig ist inzwischen die Tatsache, dass sich mehr als ein Drittel der Europäer als völlig frei von Religion begreifen. Nur: das hat auch ein Christoph Kletzer nicht auf dem Schirm. Der „atheistische Katholik“ träumt weiter den uralten Traum (oder Alptraum) von der Vorherrschaft der christlichen Religionen auf dem Kontinent.
Über die konkrete Frage, ob das Christentum nun Teil der europäischen liberalen Tradition oder der große Widersacher dieser Tradition ist, lässt sich natürlich streiten. Quelle: wie oben
Darüber lässt sich meiner Meinung nach überhaupt (nicht mehr) streiten. Gerade unter einem Papst, der für eine Gegenreformation steht, der sich offen gegen die Aufklärung ausspricht, stellt sich nicht die Frage, ob das Christentum Teil der europäischen liberalen Tradition ist. Im Gegenteil wurde alles, was die Aufklärung erreichte, gegen die Kirchen, gegen die christlichen Religionen erreicht und erkämpft. Das zu übersehen zeigt schon, auf welchem Auge der Autor blind ist.
Ich persönlich glaube, dass trotz der schlechten Presse, die sich die katholische Kirche in regelmäßigen Abständen abholt, ein Gutteil unserer substanziellen Liberalität gerade von derjenigen christlichen Tradition herkommt, die wir im Namen der Liberalität opfern zu müssen glauben. Quelle: wie oben
Ich persönlich glaube, dass ein Gutteil unserer Liberalität gerade daher rührt, dass sich die Aufklärung von dem engen Denken der christlichen Tradition befreit hat.
Nic