Bevor ich mir selbst etwas dazu aus den Fingern sauge... möchte ich auf einen hervorragenden Artikel (dessen Überschrift ich okkupiert habe) aus dem Brightsblog hinweisen.
Mit Robert, der den Artikel dort eingestellt hat, habe ich in meinem Blog bereits mehrfach darüber diskutiert (na ja; wir sind eigentlich der gleichen Meinung), dass es wichtiger ist, die Umstände in der uns umgebenden Welt zu verändern als darüber zu diskutieren, welche Fehler welche Religion gemacht hat und macht. Das ist sicherlich nicht unnötig; aber kann - meiner Meinung nach - nur ein Teil der Diskussion sein.
Der Artikel ist aus dem “Freidenker” (Nr. 1-09 März 2009):
Von Horst Pickert und Horst Schild
Dass die Religionen derzeit weltweit starken Zulauf haben, kann nicht übersehen werden. Ausnahmen bilden allenfalls West- und Mitteleuropa und Teile Osteuropas. Nicht einmal jeder Achte der Weltbevölkerung bekennt sich heute als Nichtgläubiger. In den USA glauben etwa 90 Prozent der Menschen an Gott und rund drei Viertel gar noch an die Hölle.1
Die Zuwächse Gläubiger sind vor allem in den ärmeren Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zu verzeichnen. Und das ist keineswegs zufällig. Zwischen Religiosität einerseits und sozialökonomischer und politisch-ideologischer Situation andererseits besteht ein Zusammenhang, der durch die veröffentlichte Meinung allzu oft verkleistert wird. Jedoch ist die krisenhafte globale Entwicklung mit ihrem derzeitigen Höhepunkt, die daraus resultierende Zunahme von Massenverelendung und auch von medienunterstützter geistiger Verunsicherung und Verdummung nicht zu übersehen. Nicht zu übersehen sind Kriege, Terror und andere militärische Auseinandersetzungen, Krankheiten bei völlig unzureichender medizinischer Versorgung in weiten Teilen der Welt und leider eine fehlende, real erscheinende gesellschaftliche Alternative. All das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das „religiöse Elend“ als „Ausdruck des wirklichen Elends …, (als) Seufzer der bedrängten Kreatur (und als) Gemüt einer herzlosen Welt“ (Karl Marx) Aufschwung erhielt und erhält.
Hinzu kommt, dass sich Areligiosität und Atheismus in Lichte ihrer weltanschaulichen „Erfolge“ – von der Aufklärung bis zu Ludwig Feuerbach, über die Propagierung der Evolutionstheorie Darwins (u. a. durch Wilhelm Ostwald und Ernst Haeckel) bis zu den anderen herausragenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. und auch 20. Jahrhunderts – wohl etwas zu zeitig zurückgezogen haben. Die Fortdauer von Religionen wurde nicht als bedrohlich, weil nur noch als temporär empfunden. Diese Auffassung wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch von Teilen der Arbeiterbewegung geteilt.
Unstreitig hat die Naturwissenschaft dem religiösen Glauben manch tiefe Wunde geschlagen und ihn zu „Frontbegradigungen“ gezwungen. Sie tut es permanent noch heute. Aber daran ist er eben nicht gestorben. Und Gott ist auch längst nicht „tot“, wie Nietzsche meinte.
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