Ich habe heute per Mail die Übersetzung eines Interviews bekommen, das Minu Hemati mit Mina Zarin führte. (Das Interview in Farsi gibt es bei
YouTube.) Frau Zarin nahm auch an dem Hungerstreik in Berlin teil. Das Foto entstand dort.
Minu Hemati:
Innerhalb der letzten Jahre haben wir wiederholt zu Ehren der getöteten politischen Gefangenen im Iran die Überlebenden dieser Verbrechen darum gebeten, vor der Kamera die Wahrheiten und Umstände in den Gefängnissen wiederzugeben, damit die jetzige Generation über die dunkle Seiten der gegenwärtigen Geschichte unseres Landes erfährt und bewusst zur Beendigung dieses brutalen, verbrecherischen und ungerechten Systems aktiv wird.
Diese Woche habe ich in einer Sondersendung ein Gespräch mit einer der ehemaligen politischen Gefangenen, einer der in Europa tätigen Menschenrechtaktivisten, die 9 Jahre ihrer Jugend unter unwürdigster, brutalster, seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und Folter in den Gefängnissen der Islamischen Republik Iran verbracht hat. Erlauben Sie mir, sie in der Leitung zu begrüßen und willkommen zu heißen: Frau Mina Zarin, einer der iranischen Freiheitskämpferinnen.
Mina Zarin: Ich grüße Sie Frau Hemati, Ihre Zuschauer und alle lieben Menschen, die meine Stimme hören.
Minu Hemati:
Folter und sexuelle Gewalt in den Gefängnissen der Islamischen Republik Iran ist nun weltweit bekannt, doch in der Zeit, in der Sie im Gefängnis waren, in den ersten Jahren der Islamischen Republik, war dies auch mehr als üblich.
Sie selbst waren in den Jahren 1981 bis 1989 Gefangene der Islamischen Republik. Meine erste Frage ist, wie alt waren Sie, als Sie verhaftet wurden, und wie hat man Sie nach der Verhaftung behandelt?
Mina Zarin: Ich war 19, als ich in einem Bus, der von Naziabad nach Moniriye fuhr, verhaftet wurde. Ein Pasdar (= Revolutionswächter) drückte mir seine Pistole an den Kopf und sagte, wenn ich mich bewege, gibt er mir ich auf der Stelle einen Kopfschuss.

Sie haben mich gezwungen auszusteigen. Die Menschen, die Frauen um mich herum, wollten verhindern, dass die Pasdaran mich ins Komitee 10 oder 13 der Naziabad bringen, eins der berühmt-berüchtigtsten Komitees. Zuerst haben die Pasdaran behauptet, ich hätte eine Handgranate dabei. Daraufhin protestierten die Frauen und bestanden auf eine Durchsuchung, woraufhin die Pasdaran behaupteten, ich wäre eine Prostituierte. So wurde ich zügig und auf eine sehr wilde Art ins Komitee gezehrt.
Im Komitee hat mich eine Pasdar-Wächterin körperlich durchsucht. Auf eine beschämende, schmutzige und brutale Art fasste sie mich an die Brüste, an Rücken und Bauch und vergewisserte sich, indem sie mit ihren Fingern an den „empfindlichen Stellen“ tastete, dass ich keine Handgranate oder Ähnliches mitfuhr.
Zum Thema sexueller Gewalt. In derselben Nacht wurde ich durch eine Hintertür zu einem Privatwagen gebracht, der mich zu einem anderen Komitee bringen sollte. Ich wurde gezwungen, auf dem Rücksitz zu knien mit dem Rucken entgegen der Fahrtrichtung. In dieser Sitzstellung wurde ich mit Militärstiefeln am Unterleib getreten und mit den Kolben deren Maschinenpistolen am Rucken und im Nacken geschlagen, was ernsthafte Verletzungen verursachte. In dem Moment, als ich mit Militärstiefeln zwischen den Beinen getroffen wurde, wurde mein ganzer Körper von einer Hitze überwältigt, so als hätte sich ein Teil von mir abgetrennt verabschiedet. Ich empfand sehr starke, unerträgliche Schmerzen und hatte das Gefühl, überall Blut am Körper zu haben.
Schließlich erreichten wir ein anderes Komitee. Dort sah ich, dass mein Körper tatsächlich blutverschmiert war. Ein Pasdar kam, und ich fragte ihn nach einer Binde. „Die schämt sich nicht und fragt uns nach Binden?“ Nach ihm kam ein anderer Pasdar, den ich auch gefragt habe. Er warf mir auf eine schmutzige Weise einen unverschämten Blick zu und ging, ohne mir etwas zu bringen. Nach ihm kam der andere Pasdar, der für meine Folterung zuständig war, und brachte mir ohne jegliche Scham eine Binde.
Als wir 1982 im Gohardasht-Gefängnis in die Zellen eingeteilt wurden, sollten wir uns zunächst nackt ausziehen. Ich trug Tschador und Augenbinde. Angeblich habe ich die Anweisungen der Pasdar-Wächterin Naderi nicht richtig befolgt, weil ich meinen Slip noch anbehalten hatte. Sie riss mir höchst aggressiv die Unterhose vom Leib und schrie drohend, wenn ich Widerstand leiste, werde sie mir zeigen, welche Konsequenzen dies für mich hätte. Es gab andere sexuelle Belästigungen neben Peitschhieben und brutalen Verhörmethoden, Kontrollen, Beleidigungen.
Derbe Wortwahl und die unverschämten Blicke der Gefängniswächter und der Folterer haben uns jegliche körperliche und geschlechtliche Würde geraubt. Dies war in der Tat ein zusätzliches Gefängnis innerhalb des Gefängnisses.
Minu Hemati:
Erzählen Sie bitte aus Ihren eigenen Beobachtungen zu der sexuellen Gewalt an politisch inhaftierten Frauen in den Gefängnissen. Im Übrigen weiß ich, dass Sie während Ihrer mehrjährigen Gefangenschaft sehr viel an Schlägen und Folter erleiden mussten. Heute gehen Sie mit Krücken; hängt das mit den Schlägen zusammen, die Sie am Rücken und an den Beinen erhielten?