Die Evolutionstheorie erklärt unser Leben. Auch in manchmal abwegig zu nennenden Einzelheiten.
Thomas Junker und Sabine Paul, beide auch Mitglieder in der Giordano-Bruno-Stiftung, haben zum Darwinjahr (2009) dieses wunderbare Buch geschrieben, in dem sie Darwins Theorie mit unseren heutigen Alltäglichkeiten in Beziehung setzen. Dabei kommt Erstaunliches zu Tage:
Weshalb haben wir eine solche Affinität zu fettem und süßem essen? Weshalb lassen wir uns gern (oder zumindest so leicht) von Religionen oder Ideologien "einfangen"? Und weshalb sind Selbstmordattentate evolutionär erklärbar? Sind Kunst und Kultur von Vorteil?
Im Rahmen dieser Fragen versuchen Junker und Paul soziologische Erklärungen auf evolutionärer Grundlage zu finden. Das hört sich schwierig an, liest sich aber hervorragend.
Dass wir am liebsten Schokolade und Hamburger essen (und dazu noch mit den Fingern) liegt - so die Autoren - daran, dass wir von der Evolution so geprägt worden sind. Denn nachdem die Menschen sesshaft wurden und aus den Jägern und Sammlern die Ackerbauern und Viehzüchter wurden, änderte sich auch unsere Nahrung. Allerdings verlangt es uns - evolutionsbiologisch - noch immer nach energiereicher Nahrung. Nur, dass wir heute zu viel Energie in Form von Nahrung zu uns nehmen, als nötig wäre.
Die den Körper und das Verhalten der Menschen prägenden Gene haben sich im Verlauf von zwei Millionen Jahren an das Leben der Jäger und Sammler angepasst. Die Art der Nahrung, die Ackerbauern und Viehzüchter zu sich nehmen, unterscheidet sich aber davon. Während sich unsere Gene in den letzten 10.000 Jahren kaum verändert haben, bildet unsere Nahrung in vielerlei Hinsicht eine neue Umwelt. [...]
Mit anderen Worten, heute treffen paläolithische Gene auf neolithische Ernährung.Seite 28
Daraus ergeben sich heute die viel zitierten Zivilisationskrankheiten.
Und deshalb plädieren Junker und Paul für eine ausgewogene Ernährung, die sich an den evolutionären Vorgaben ausrichten sollte. (Allerdings erklären sie weder, wie diese Ernährung genau aussehen sollte, noch, wie dies einer seit der neolithische Revolution weitaus größeren Anzahl an Menschen ermöglicht werden kann.)
Ich werde - auch wegen der beiden hervorragenden Rezensionen, die beim hpd bereits erschienen sind
(siehe unten) nicht auf das gesamte Buch eingehen, möchte aber noch etwas zu dem Thema bemerken, dass mich seit geraumer Zeit beschäftigt.
Mehrfach habe ich schon meine Theorie geäußert, dass unter anderem auch das Erstarken von Religionen (oder deren Ersatz wie diverse Esoterik-Ideen) damit erklärlich zu sein scheint, dass der Mensch in einer globalisierten Welt sich nicht zurecht findet und sich kleinere, übersichtlichere Gruppen (und Ideen, die die Gruppen verbinden) sucht. Dies wird in gewissem Masse auch von Junker und Paul bestätigt:
Sie [die Steinzeitmenschen] lebten in kleinen, beweglichen Gruppen von rund 30 Mitgliedern, die überwiegend miteinander verwandt waren, sich gut kannten und nur selten Fremde trafen. (Seite 13)
Sie werden dann genauer, wenn sie schreiben: