Wie angekündigt, fand gestern in der Werkstatt der Kulturen in Berlin eine "Gedenkveranstaltung für die Getöteten in den Massenhinrichtungen von 1988 in Iran" statt. Ich habe dort einige Fotos gemacht (zum Vergrößern bitte anklicken) und S. hat einen Artikel dazu geschrieben.
Gedenkveranstaltung für die Getöteten in den Massenhinrichtungen von 1988 in Iran und 17 Jahre nach dem Mykonosattentat (Berlin, Sep. 1992)
Eine weitere politische Veranstaltung von IranerInnen für Iran,
für die sofortige Freilassung der politischen Gefangenen,
für einen säkularen Iran,
gegen die Zwangsverschleierung und das Apartheitsregime dort.
Für die Unterstützung der demokratischen Bewegung im Iran gegen Hinrichtungen und Folter.

Der obere Saal ist voll – und still. In dieser Stille beginnt eine Frau Gitarre zu spielen und iranische Lieder zu singen: Ute Aminikhah-Bergmann (Mardome Donya)
Es wird viel gesprochen an diesem Abend, erzählt von dem Grauen und der Gewalt durch die Regierung.
Ich muss an die schnell zerschlagenen Hoffnung nach der Revolution 1979 denken, die zwar zur Absetzung des Schahs führte jedoch die Sehnsucht vieler Menschen nach Demokratie nicht erfüllte.
Das Evin Gefängnis, schon zu Schahs Zeiten berüchtigt für seine perfiden Foltermethoden wurde weiterhin für genau diesen Zweck genutzt.

Heiner Bielefeld (Leiter des Institutes für Menschenrechte Deutschlands) fragt in seiner Eröffnungsrede: Was kann man tun? Was können z.B. die europäischen Staaten tun? Am Beispiel der Firma Knauf zeigt er, wie auch deutsche Firmen das schamlose Paktieren mit dem Regime fortsetzen – solange es keine öffentliche Aufmerksamkeit gibt. Durch den jüngsten Skandal, dass jene o.g. Firma ihren MitarbeiterInnen untersagte, sich an den friedlichen Demonstrationen gegen den Wahlbetrug zu beteiligen und die darauf folgende öffentliche Aufmerksamkeit wurde die Firma gezwungen, ihre „Politik“ diesbezüglich zu ändern. Und es war hier nicht nur die Aufmerksamkeit der unermüdlichen Aktivisten von Facebook oder Twitter sondern auch das Auswärtige Amt zeigte sich irritiert.
H. Bielefeld wies auf die
EU Guidelines on human rights defenders (pdf) von 2004 hin.
Er schlug die Vernetzung von Botschaften vor, sowie die permanente Einflussnahme durch dieselben, da diese die Präsenz der jeweiligen Länder darstellen. Eine Botschaft aus einem Land, das sich selbst als demokratisch versteht und sich der Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet hat, besitzt verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung für MenschenrechtsverteidigerInnen. Sie können Treffpunkt sein, haben eine Schutzfunktion, können Berichte veröffentlichen…
Auch die sofortige Wiedereinsetzung einer UN Sonderberichterstatterin wäre zu begrüßen.
Es geht, wie immer, um Vernetzung und Öffentlichkeit, auch eine der Hauptingredienzien des neuen iranischen Widerstandes.
Vor allem jedoch prangerte er an, dass der Iran hauptsächlich im Zusammenhang mit der Atomfrage in den Medien erscheint, dass laut über Sanktionen diesbezüglich nachgedacht wird, statt sich um die Frage der Menschenrechte zu kümmern.
Mein Magen zieht sich zusammen, der Irak wurde nach jahrelangen Sanktionen, durch die viele Menschen gestorben sind (fehlende Medikamente und Lebensmittel) auf Grund von vermeintlichen Massenvernichtungswaffen angegriffen und so von einer Diktatur zu einem failed State gebombt. Damals hat sich die deutsche Regierung noch geweigert, solcherlei Beschaffungen neuer Absatzmärkte zu unterstützen, unter der aktuellen Regierung jedoch sieht das ganz anders aus (Afghanistan).
Der Film „
Iran, a big prison“ wurde gezeigt, eine Dokumentation (auf deutsch) mit Aufnahmen von 1982, in dem unter anderem auch die Verantwortlichen interviewt wurden und sich mit der ihnen eigenen Selbstgerechtigkeit zu ihrem menschenverachtenden System äußern.

21 Jahre nach den Hinrichtungswellen in iranischen Gefängnissen (Sommer 1988) beschreibt Frau R. Moghadam, wie sie nach der Hinrichtung ihres Mannes mit anderen Angehörigen von politischen Gefangenen in Iran gegen die Zerstörung des Khavaran-Friedhofes gekämpft haben, wie sie unermüdlich gefordert haben, dass die Verantwortlichen für die Massenhinrichtungen zur Rechenschaft gezogen würden, wie alleine sie sich manchmal gefühlt haben dabei. Sie beschreibt so sachlich und ruhig, was ihr widerfahren ist, wie sie bedroht, eingeschüchtert und psychisch misshandelt wurde.
Ich spüre ihre tiefe Konzentration, ihre Unbeirrbarkeit und ihren großen Mut. Sie erzählt, wie schwer es damals, ohne das Internet mit seinen zahlreichen Instrumenten der Öffentlichkeitsarbeit, gewesen ist, Leute zu informieren und sich zu vernetzen.

Eine weitere Kämpferin betritt das Podium, Mojdeh Arasi, ehem. politische Gefangene aus Iran, die die erfolterten Zwangsbekenntnisse in iranischen Gefängnissen von heute vergleicht mit den damaligen Folterungen und dem Ziel, dem sie dienen, bzw. dienten. Sie beschreibt sowohl die Veränderung der Foltermethoden (z.B. die steigende Zahl der Vergewaltigungen von Männern, um diese nachhaltig zu brechen und die darauf folgende Erhöhung der Suizide) als auch einen eklatanten Unterschied in der Zielsetzung: Während es in den 80er Jahren im Iran darum ging, durch die Folter an Informationen zu gelangen, geht es heute nicht um Informationsbeschaffung sondern vielmehr um Abschreckung (anderer potentieller RegimekritikerInnen), sowie darum „Informationen zu geben“ (Inhalte der Schauprozesse).
Es ist fast unerträglich, den Terror von Foltererlebnissen zu ertragen. Es ist fast unerträglich, mit Sadismus und absoluter Gewalt konfrontiert zu werden. Und doch standen diese beiden AktivistInnen auf der Bühne und haben sachlich, wissenschaftlich die Geschichte der Ereignisse analysiert. Sie standen aufrecht und haben sich nicht brechen lassen .Tiefe Hochachtung und Respekt vor dem Mut und der Unerschrockenheit der beiden Frauen, das haben wohl die meisten im Auditorium empfunden
Wer wird wen später fragen: Wo warst du? Was hast du gemacht, als das alles geschehen ist?
Veranstalter:
Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran-Berlin e.V.
Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin e.V.
Unterstützer:
Internationale Liga für Menschenrechte, Angehörige der Opfer und ehemalige politische Gefangene, Netzwerk der MenschenrechtsaktivistInnen in Europa und Nordamerika
IRTV hat auf YouTube über die Veranstaltung berichtet. Ab Minute 4:27 des Beitrages geht es darum. Leider (?) ist alles in Farsi. Nic
Aufgenommen: Sep 14, 21:16